Stories > Geschichten
Die Dornbergs
- 6. Ein Traum vom Glück -
Abwärts
"Der Himmel verdunkelte sich. Die Erde tat sich unter Ulla auf. Der jüngste Tag war da. Mit großer Wucht wurde Ulla in die tiefsten Abgründe der Hölle abwärts gezogen." So hätte eine dramaturgische Film- oder Theaterin-szenierung aussehen können. Aber es wäre wohl zu unrealistisch gewesen, wenn sich der Himmel verdunkelt hätte; alles andere traf jedenfalls annähernd zu.
Somit beschränkt man sich auf Tatsachen. Bei strahlendem Sonnenschein tat sich die Erde aber wirklich auf, indem der Bürgersteig einbrach und Ulla in ein tiefes Loch fiel, welches mit siedend heißem Wasser gefüllt war. Dabei vergaß sie alle Neuigkeiten, von denen sie noch berichten wollte. Alles Unheil, was sie an diesem schönen Gott gegebenen Tag noch anrichten wollte, blieb unverrichteter Dinge liegen. Sie bekam unterm Strich eine Lektion für all das, was sie bisher angerichtet hat. Es war Zahltag! Auch wenn es in den Formulierungen anders aussieht, aber Jens war von diesem Ereignis dennoch ein wenig betroffen, in dem gleichen Maße, wie er auf diese Person wütend war.
Hektik verbreitete sich. Renate unternahm alles, um Ulla aus dem Loch zu ziehen und musste aber aufpassen, nicht selbst hineinzufallen. Es gelang ihr aber nicht. Passanten eilten ihr zur Hilfe … und man setzte Ulla, deren Kleidungsstoffe mit den verbrühten Hautfetzen eine Einheit bildeten, in den Oldtimer "Kadett" und Renate fuhr - unter Schock stehend ins nächste Krankenhaus, anstatt auf einen Rettungswagen zu warten. Auf den Matten im Fußraum waren noch nach Tagen die Zeugen des Unglücks zu sehen. Zahlreiche Hautfetzen lagen im Fußraum und trockneten vor sich hin. Der Anblick war Ekel erregend.
Etwa zwei Stunden nach diesem Unglück rief Almut bei Denise in Sachsen an und schilderte aufgelöst, was Renate ihr am Telefon gerade berichtet hat; was passiert ist. Denise rannte zu Jens ins Büro. Jens hörte ihr unbeeindruckt zu und fragte ganz ruhig nur: "… und ist sie tot?"
Ulla überlebte den wohl schwärzesten Tag ihres Lebens nur um Haaresbreite. Aufgrund schwerster Verbrühungen musste sie über Monate stationär behandelt werden. Sie musste sich mehreren Operationen unterziehen, in denen Haut verpflanzt wurde, die sie für Monate außer Gefecht gesetzt haben. Nach ihrer Entlassung gab es aber keine Intrigen mehr. Wie es schien, hat sie eine andere Lebensaufgabe oder "Opfer" gefunden. Sie verschwand aus Jens und Denise' Leben und das für immer. Ruhe kehrte, wenn auch nur vorübergehend, wieder ein.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass eine Fernwärmeleitung des örtlichen Energieversorgers altersbedingt gebrochen war, den Bürgersteig unterspült hatte und Ulla durch ihr "bescheidenes" Gewicht den bereits unterspülten Gehweg an dieser Stelle zum Einbrechen brachte. Auf dem gesamten Straßenzug wurden daraufhin die Leitungen erneuert.
War das etwa die Strafe von höherer Stelle, dass ausgerechnet diese Frau, die so viel Unfrieden gestiftet hat, in dieses Loch gefallen ist? Oder war es nicht die Hölle, sondern "Gottes Mühlen, die bekanntlich langsam mahlen, aber dennoch mahlen?" Hier hat es sich gezeigt, dass man solchen Personen nur mit Ignoranz begegnen kann, sie gar nicht beachten sollte und sie irgendwie und irgendwann eines guten Tages die Rechnung für ihr Handeln bekommen werden. Alles reguliert sich von selbst. Jens gehört zu den Personen, die sich die Ereignisse lieber von einer Zuschauertribüne aus ansehen und genießen; und das aber aus der ersten Reihe.
Denise war über die Ereignisse des Tages aus Oberhausen sichtlich geschockt und meinte abends nach Feierabend zu Jens eher ironisch: "Da hat doch der Teufel seine Hand im Spiel gehabt oder?" "Nun, wer weiß das schon… . Vielleicht war es aber auch nur Gerechtigkeit?", sagte er nur kurz und knapp und in einem, für ihn ungewöhnlich, sachlichen Tonfall.
Die Mahlmanns
Die Mahlmanns waren eine Familie, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Almut und Ludwig wohnen. Diese Menschen zählten anfangs zu den guten Freunden, bis Jens die Möglichkeit zur Arbeit im Osten aufgetan wurde. Ab diesem Zeitpunkt waren sie von Neid geprägt und zeigten dies später auch unverhohlen.
Carsten Mahlmann war ein krankhafter Spieler und zugleich auch Kampfsportler. Seine hauptberuflich ausgeübte Vertretertätigkeit machte ihm sichtlich Spaß, wobei man dann weniger aus Überzeugung als aus Mitleid bei ihm kaufte. Sicherlich hatte er auch immer so einige Rabatte herausgeschlagen, aber diese hätte man auch in anderen Unternehmen erhalten. Reden konnte er gut, aber langes Zuhören war da schon sehr schwierig. Seine Frau Daniela war Hausfrau. Sie hatte ein etwas kräftigeres Erscheinungsbild und war stets bedacht, den Kontakt zu ihren Eltern aufrechtzuerhalten, in dem sie die Zeit des Tages immer in der elterlichen Wohnung verbrachte.
Auch im Mai stand bei Daniela und Carsten die Hochzeit an. Der noch nicht zweijährige Einheitssohn war noch nicht in dem Alter, dass er alles mitbekommen würde. Zur kirchlichen Trauung stellte Jens seinen bordeaux- farbenen 3er BMW zur Verfügung, der dann als Brautfahrzeug fungierte. Denn weder beide Elternpaare, noch das Brautpaar selbst verfügten über ein, einer Hochzeit würdiges, Gefährt. Die Kirchliche Trauung und die Feier danach waren sehr gut organisiert.
Zur Harmonie mit beigetragen hat sicherlich auch die Tatsache, dass Jens Carsten einen vierstelligen Betrag geliehen hat. Denn kurz vor der Hochzeit bat Carsten Jens dreimal um einen Betrag, mit dem er angeblich seine Spielschulden begleichen wollte, um schuldenfrei in die Ehe zu gehen. So formulierte er es. Schuldenfrei? In Jens Augen war es nur eine Schuldenumschichtung, damit seine zwielichtigen Gläubiger ihn kurz für die Zeit vor und nach der Hochzeit erst mal in Ruhe ließen. Jedenfalls belief sich die "finanzielle Aushilfe" auf einen Betrag in Höhe von rund zweitausend D-Mark. Weder Carstens Frau Daniela noch Denise hatten von dieser Unterstützung Kenntnis. Nebenbei hätten sie diese dann auch mit allen Mitteln verhindert. Denn wäre es bekannt geworden, wäre deren Hochzeit geplatzt. Nicht zuletzt hätte dieser Umstand auch die Kirchliche Hochzeit von Jens und Denise belastet. Das alles wollte Jens natürlich nicht.
Aber Jens wurde von den Mahlmanns ziemlich enttäuscht. Die Rückzahlung ließ sehr lange auf sich warten. Zunächst wollte Carsten anfangen in monatlichen 50-DM-Beträgen die Schuld abzutragen. Dies ging dann auch drei Monate gut. Als er dann nach weiteren Monaten anfing von größeren Anschaffungen, die sich auf mehrere Tausend Mark beliefen, zu sprechen war Jens sehr irritiert. Anschaffungen und Urlaube waren möglich, aber er hielt es nicht für nötig, die ausgesetzten 50-DM-Zahlungen wieder aufzunehmen. Hinzu kam, dass Carsten sich zu einem regelrechten "Waschweib", einer Klatschtante, entwickelte und Dinge, die Jens und Denise den Mahlmanns im Vertrauen erzählten, ohne Umweg bei Almut und Ludwig innerhalb von Stunden ankamen. Das Vertrauensverhältnis war damit vollends zerstört.
Jens informierte Denise über den ausstehenden Betrag erst, als auch die eigene kirchliche Hochzeit vorbei war. Ein Paukenschlag kündigte sich daraufhin an und war nicht mehr zu vermeiden…
Poltergeister
Denise und Jens begannen mit ihren Vorbereitungen zur kirchlichen Hochzeit, dem ehemaligen "Tag der deutschen Einheit". Der Termin wurde zu einem Zeitpunkt schon festgelegt, und der war vor dem standesamtlichen Termin und vor dem Wechsel zur Niederlassung in Leipzig.
Eingeladen wurden sehr viele Verwandte, Freund und Bekannte, mit denen beide im Laufe ihres Lebens zu tun hatten.
Zum Zeitpunkt des Polterabends und der Hochzeit herrschte zwischen Renate und Jens' Frau eine Eiszeit wegen diverser Banalitäten. So ist es eben, wenn eine Person keine Aufgabe mehr hat und meint andere, die einer geregelten beruflichen Tätigkeit nachgehen, mit ihren Trivialitäten belegen zu müssen. Der Kontakt jedenfalls war zu diesem Zeitpunkt auf das Notwendigste reduziert. Der Polterabend verlief so, dass Renate kaum mit beiden sprach. Auch kamen sie, und zwangsläufig, um des Friedens Wille, auch Rudolf zu spät zu dem auf Raten, wegen eines Fußballländerspiels, stattfindenden Polterabend. Es wurde richtig gepoltert; Papier und Porzellan pflasterten die Straße an der die Gaststätte lag, wo gepoltert wurde.
Zu später Stunde, als die ersten Gäste und Renate schon den Heimweg antraten, klärte Rudolf Jens in einer längeren Unterhaltung über einige Dinge auf, die Jens wissen sollte. Denn das Verhalten, welches seine Mutter an den Tag legte, konnte und wollte er nicht gut heißen. Einige Neuigkeiten waren von Jens immer vermutet, aber bislang von niemandem bestätigt worden. Jens gab sein Versprechen, niemals ein Wort darüber zu verlieren, was die entfernten Verwandten betraf. Dabei ist es auch bis heute geblieben. Mir wollte er nichts darüber berichten.
Der Polterabend endete erst gegen frühen Morgen. Die runde Tischplatte eines Stehtischs war komplett mit leeren Schnapsfläschchen belegt und zeugen von einem schönen Polterabend, der sich dem Ende neigte. Zuletzt waren nur noch vier Gäste anwesend, deren Namen eher unerheblich sind, da sie in nächster Zukunft eh keine Rolle mehr spielten.
Der Tag nach dem Polterabend diente eher der Regeneration und dem Auspacken der zahlreichen Geschenke, die an diesem Abend schon übergeben wurden.
Am Abend zwischen der Hochzeit und dem Polterabend bekamen Jens und Denise überraschend Besuch. Es schellte und Jens war erstaunt. Tatsächlich stand mit weißem T-Shirt, Jeanshose und schwarzen Cowboystiefeln sein Großcousin Adrian aus Frankfurt am Main vor der Türe. Beide waren eher Freunde als Verwandte, hatten sich sogar früher mal gewünscht, Brüder zu sein. Über Jahre hatten sich beide nicht mehr gesehen.
Adrian war sieben Monate älter als Jens. Er studierte in Frankfurt an der Universität immer wechselnde Fachrichtungen. Seine Eltern - sein Vater war der Cousin von Jens Mutter - waren geschieden und er lebte seitdem bei seiner Großmutter, bis zu ihrem Tod. Aufgrund seines unüberhörbaren, übermäßigen hessischen Dialekts war es manchmal sehr schwierig, ihn richtig zu verstehen. Der Abend endete erst am anderen Morgen gegen 2 Uhr; am Tag der Hochzeit. An diesem Abend bat Jens Adrian, die Patenschaft bei dem ersten Kind zu übernehmen. Adrian stimmte sofort ohne groß zu überlegen zu.
Am anderen Morgen schellte es wieder. Es standen die Freunde aus Zürich mit ihrem Wohnmobil vor der Türe, die die Einladung zu Hochzeit mit einem Urlaub in den Niederlanden verbunden haben. Denise fuhr mit Alfons und Rosamunde Buhren zu ihren Eltern, da es dann auch zum Einkleiden an der Zeit war.
Die Hochzeit verlief ohne Zwischenfälle, also wie eine Hochzeit auch verlaufen sollte. Alle Familienmitglieder kamen bestens miteinander aus und bescherten Jens und Denise ein prachtvolles Fest. Nach der Kirchlichen Trauung wurden zahlreiche Fotos geschossen, bevor es zur Gaststätte ging, in der auch schon der Polterabend gefeiert wurde. Neben zahlreichen Spielen war auch eine Bauchtänzerin engagiert, die durch die Räumlichkeiten wirbelte. Das ganze Geschehen wurde per Videokamera aufgezeichnet und ist für Jens immer wieder schön anzusehen.
Natürlich gab es vereinzelte Personen, die ihr gutes Benehmen, sofern sie denn überhaupt eines besaßen, zu Hause vergessen hatten. Nach der Hochzeit im Juni trat dann eine Funkstille zu Renate ein. Da man diese Verhaltensweise ja schon kannte, die immer nach Hochzeiten, Geburtstagen Kommunionen oder Konfirmationen so zu Tage trat. Irgendetwas, irgendein Wort oder sonst was auch immer hat ihr dann nicht gepasst und sie spielte wieder ihr tückisches Spiel und versuchte alle gegen den Gastgeber in Stellung zu bringen.
Da galt es, diese Person einfach zu ignorieren. Denn: "Was stört es denn den Mond, wenn der Wolf ihn anheult?" Genau. "Näämlisch goar nischts!
Träume
Zwei Tage nach den Hochzeitsfeierlichkeiten, die auswärtigen Gäste waren alle schon abgereist, stand der Abflug in die karibischen Flitterwochen an. Ziel war die Sozialistische Republik Kuba, kurz auch nur Kuba genannt. Der Abflug war für 9.30 Uhr ab dem Flughafen Düsseldorf vorgesehen. Der Flug sollte mit einem Lockheed TriStar - einem dreistrahligen Großraumflugzeug - über Mexikos Touristenparadies Cancun zum kubanischen Zielflughafen Holguin führen.
Nachdem die im sozialistischen Rot kolorierten Koffer aufgegeben waren, schlenderten die Frischvermählten noch über den Flughafen in Begleitung von Almut, Denises Schwester Tanja und einer Nachbarin. Renate vermied es mit zum Flughafen zu kommen. Hier zeigte sie mal wieder ihre allen bekannte Verhaltensweise, die sie immer nach Feierlichkeiten auflegte, um die, von denen sie eingeladen wurde, zu tyrannisieren, nachdem sie sich aber zuvor auf der Festivität sattgegessen hatte. Dieser Frau konnte niemand jemals etwas recht machen. Jeder kannte das, ihre Geschwister ebenso wie Nachbarn. Viele haben sich deshalb auch von ihr schon früh abgewandt, da diese Frau mit ihren Spitzen im Nachhinein einfach nur peinlich und unverschämt war. Da passt der Spruch "Freunde kann man sich aussuchen, Familie eben nicht".
Auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle bemerkten Jens und Denise ein älteres Ehepaar, Hanna und Heinz aus Hünxe, welches von ihrem braungebrannten Hausarzt, immer genannt "Dr. H. aus H." oder "unser Doktor", nebst Ehefrau, der nebenbei als Pächter mehrere Jagdreviere in der Region gepachtet hat, begleitet wurde. Die Tatsache, dass der Hausarzt Jäger ist, machte diesen Menschen erst so richtig für Jens interessant. Lebt er als Wahlsachse in einer ländlichen Region, in der traditionell die Jagd und Passion immer Bestandteil dieses Landes war.
Das ältere Ehepaar, mit denen Jens und Denise schon auf dem Flug ins Gespräch kamen, nahm direkt hinter ihnen ihre reservierten Plätze ein.
Es war schon sehr imposant, als der TriStar zum Start ansetzte. Man merkte den Schub, mit dem der Pilot den Riesenvogel zum Abheben bewegen wollte. Immer mehr, bis man einen Druck auf den Ohren verspürte und merkte, dass die Bodenhaftung nicht mehr da war. Für Jens und Denise war es kein fremdes Gefühl, nur hoben die kleineren Flieger anderer Unternehmen meist schneller ab, da die Maschinen auch leichter waren.
Beiden bot sich ein hervorragendes Bild bei Start über Düsseldorf. Der Steigflug erfolgte an der Rheinschleife entlang, bis der Vogel Kurs auf Paris nahm und dann in Richtung entferntem Florida verschwand.
Jens machte die Augen zu und schlief bei dem dröhnenden Dauergeräusch der Triebwerke ein.
Im Traum ließ er die letzten Tage noch einmal Revue passieren: der Polterabend, die Hochzeit, die ganzen Glückwünsche, die Besucher und der unvorhersehbare Tod seines Hundes Timmi, der wenige Tage vor der Hochzeit 10-jährig eingeschläfert werden musste. Der Hund stammte ursprünglich aus dem Mülheimer Tierheim. Gewölft am 18.11.1982 als Teil eines ungewollten Wurfes, eines Besitzers, der später nach Italien ausgereist war, kam er im Mai 1983 zu den Dornbergs. Rudolf schenke Jens den Hund, gegen den Willen seiner Mutter, die den Hund immer wieder spüren ließ, dass er unerwünscht war. Timmi war ein, laut Vorbesitzer, Mischling zwischen Dackel und Schäferhund und hatte in den Jahren allen viel Spaß gebracht. Obwohl Rudolf die Bezugsperson war, hatte auch Jens ein besonderes Verhältnis zu diesem Hund.
Im Traum tauchte er wieder lebendig auf … .
Timmi sprang vergnügt, wie er immer war, auf einer großen, weitläufigen Wiese umher. Sein Alter merkte man ihm überhaupt nicht an. Er wälzte sich in den Wiesen, schwamm in einem Fluss und war wieder sehr aktiv. Der Fluss, um den es sich dabei wahrscheinlich handelte, war entweder der Rhein oder die Ruhr.
Jens nahm das alles sehr realistisch wahr; zu realistisch, wie er mit gegenüber anmerkte. Er verspürte sogar einen Luftzug auf seiner Haut, was nichts anderes als die Aircondition des Flugzeuges war. Er war mit seinem Hund nicht alleine auf dieser Wiese. Es waren noch mehrere behütete dunkle Gestalten zu sehen, die furchterregend waren und in einer Menschentraube zusammenstanden und über den Hund tuschelten und immer wieder versuchten, ihn zu greifen, wenn er an ihnen vorbeiraste. Allesamt zeigten sie auf ihn und empörten sich über ihn. Jens konnte eine Frau erkennen, sowie mehrere Männer mit mehr als roten Gesichtern und übertriebenen unrealistisch wirkenden roten Nasenspitzen. Einer von ihnen war älter und hatte in der Riege immer das Wort, während alle anderen nicht zu Wort kamen. Alle Personen schienen sich altersmäßig schon jenseits der 50 Jahre zu bewegen. Ihre Bewegungen waren ihrem Alter aber angepasst und wirkten wie in Zeitlupe. Jens erkannte niemanden, dennoch verspürte er ein bisher noch nie da gewesenes Gefühl von Hinterlist, Missgunst und Gefahr im Unterbewusstsein.
Es war einfach unangenehm und er wollte mit seinem Hund aus dieser Situation fliehen. Jens pfiff seinen Hund zu sich und war im Begriff die Wiese zu verlassen, als in Windeseile sich eine Frau aus dieser Gruppe löste und plötzlich auf ihn zustürzte, hinter ihm zum stehen kommt und verhindern wollte, dass er die Wiese verlässt. Aus der Nähe konnte man nun ihre Falten und hervorstehenden, stechenden Augen erkennen, ihre Zähne waren unnatürlich weiß, künstlich eben, wie Zahnersatz nun mal ist. Wie eine "Hexe" aus den Märchen der Gebrüder Grimm, die ihr Äußeres zu einem nicht ehrwürdigen Anlass verschönern wollte, trat diese Frau auf. Am Hals hatte sie eine markante Perlenkette in untypischer Farbe, die von denen, die Jens Oma immer trug unterschied, die unter einer weißen geöffneten Bluse Blazer oder einem Hemd hervortrat. Ein Blazer hätte es eher sein können. Sie sagte zu Jens: "Sie können jetzt nicht gehen, dann haben wir keinen mehr, über den wir reden können …, uns langweilt es doch sonst so sehr. Wir brauchen doch ein Opfer ... und Sie bleiben!" Die Frau verschwand genauso schnell wieder wie sie auftauchte und man konnte sehen, wie sie sich wieder der Gruppe näherte und eingliederte. Jens schaute ihr nach und bemerkte ihre Leibesbreite, die von hinten ziemlich gut zu erkennen war. Dieser militärische Befehlston passte ihm überhaupt nicht. Wie im richtigen Leben macht er im Traum genau das Gegenteil des Erwünschten.
Jens dachte für sich "die Alte tickt nicht ganz sauber. Woher nicht sich die alte Schachtel das Recht, mir Befehle zu erteilen?". Jens nahm seinen Hund und verschwand in Richtung Auto. Jens erschrak, denn plötzlich am Kofferraum stand diese "Hexe" schon wieder und hatte etwas in der Hand, was er zunächst nicht erkennen konnte, zu vermuten gewesen wäre wohl ein Besen. "Ich sagte doch sie dürfen nicht gehen", sagte sie und Jens verstaute eilig seinen Hund im Auto auf den Beifahrersitz und fuhr wie der geölte Blitz davon. Er konnte auch nicht erkennen, was er für ein Auto fuhr. Erst als er in den Rückspiegel sah, bemerkte er, was die Frau, die nun nicht mehr alleine da stand, in der Hand hielt: es war kein Besen, nein, es war ein Gewehr, mit dem sie auf Jens Fahrzeug feuerte, der dadurch noch mehr Gas gab und die Geschwindigkeit erhöhte … . Danach löste sich das Bild auf.
Jens merkte, dass er sich in einem Zustand der äußersten Anspannung befand. Plötzlich und weit entfernt von jeglichen Zusammenhang zum vorherigen Geschehen befand er sich in einem recht gruseligen Haus. Timmi, sein Hund, war nicht mehr zu sehen. Das Haus sah sehr dunkel aus. Die Fenster waren mit dunklen Gardinen verhangen. Kein Licht kam herein. Es waren nur die Grundzüge des Raumes zu erkennen. Er entdeckte Zündhölzer und einen Kerzenleuchter und zündete eine Kerze, die in diesem Leuchter steckte, an und erschrak, als er sah, was dort vor ihm stand. Es war ein geschlossener Sarg. Und da war sie dann auch wieder mit breitem Grinsen: die "Hexe", die zwischenzeitlich mit einem schwarzen Umhang bekleidet war. Sie stand neben dem Sarg und war im Begriff diesen mit ihren runzeligen und faltigen Händen zu öffnen. Jens konnte seine Augen nicht von dem Sarg nehmen; er war wie hypnotisiert. Sie öffnete langsam den Deckel, das Licht der Kerzen fiel allmählich in den Sarg, man sah, dass dort jemand drin liegt. Der Sarg öffnete sich weiter und langsam wurde sichtbar wer dort drin lag...
"Wach' auf, dein Essen", sagte Denise und holte Jens, der froh war wieder Wach zu sein, wieder zurück in die Realität.
Sven du kannst mir glauben, dass ich da schockiert war über den erlebten Traum. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Zu diesem Zeitpunkt schloss ich allerdings noch aus, dass ich in meinem Leben jemals solchen Menschen begegnen würde. Aber das Leben hatte wie immer noch einige Überraschungen parat und bewies mir genau das Gegenteil. Es gab tatsächlich Menschen, vor denen man auf der Hut sein muss, damit man deren Attacken und Intrigen rechtzeitig, angemessen und vor allem nachhaltig begegnen kann.
Wölfe und Schafe
Jens wurde unsanft wachgerüttelt; das Dröhnen der Triebwerke war wieder zu hören. Innerlich stand jedoch ein Kampf an zwischen der Erleichterung, dass der Traum vorbei war und der Neugier, wer dort im Sarg wohl gelegen haben könnte. Jens hatte keinerlei Vermutung. Allerdings wollte er das gehabe der "Hexe" auch nicht als so interessant einstufen. Eher würde er diese Kreatur als psychisch stark beeinträchtigt einstufen.
"Aber was solls", dachte er, er befand sich ja immer noch im Flugzeug auf der Reise nach Kuba. Alles war nur geträumt. Ein schlechter Traum, wie er fand, den er niemals hautnah und real erleben möchte. Jens genoss das karibische Essen, als Vorbote auf einen schönen zweiwöchigen Flitterurlaub und schaute sich die Welt von oben an, bis er erneut einschlief.
Die "Hexe" erschien anfangs nicht in dem jetzt beginnenden Traum. Diesmal sah er ein altes Gemäuer. Dieses Haus bestand aus 3 Etagen, mit einer weitläufigen Terrasse, auf der mannshohe, weiße Skulpturen zu sehen waren. Umrandet war die Terrasse mit einem Kalksandsteingeländer und sah aus, einmal recht edel gewesen zu sein. Der dazugehörige Garten war ebenso verwildert wie die Terrasse mit Grünspan übersät war. Die Räume im Innern des Hauses waren alle sehr verwahrlost. Einige von ihnen machten einen Eindruck, als hätte "Luzifer" persönlich dort gewohnt. Keine oder abgebrannte Tapeten an den Wänden, keine Farbe, kein Bodenbelag, nur marode Dielen waren zu sehen. Jens überkam dennoch ein nur schwer zu beschreibendes Gefühl, welches aber trotzdem noch sehr schön für ihn war. Er fühlte sich dort heimisch und so vertraut, als hätte er in diesem Haus einmal gelebt. Er ging durch dieses Haus, als wäre er nur kurz weg gewesen. Er kannte fast alle Räume und es bedrückte ihn, wie die vergangene Pracht dahin war. Viele Räume enthielten etwa anderthalb Meter hohe Holzvertäfelungen und Stuck unter den Decken. Bei einem Blick aus dem Fenster sah er gegenüber ein altes, dunkles Gemäuer, welches er auch nicht lokalisieren konnte, denn in den letzten Monaten hatte er viele dieser Art gesehen. In der Realität hätte er solch ein bruchfälliges Gebäude, in dem er sich befand, nie und nimmer betreten.
Jens machte sich Gedanken, wem das Haus wohl gehört haben mag. Es schien, als würde er Eindrücke verarbeiten, die in seinem Unterbewusstsein noch nicht verarbeitet waren. Aber er konnte sich nicht an solch ein Gemäuer jemals erinnern.
Auch das Haus der holländischen Verwandten sah ganz anders aus. Die Grundstücksausfahrt des Anwesens mündete auf einer Hauptverkehrsstraße, die er auch nicht erkannte.
Kurioserweise war es aber so, dass er bei der Einfahrt auf das Grundstück mit seinem PKW, auf dem er zuvor noch das mehrstöckige Haus zu finden gedacht hatte, kein drei Etagen hohes Haus mehr vorfand, sondern, ein in zwei Wohneinheiten aufgeteilter Bungalow, der von zahlreichen Bäumen umgeben war. Beide Bereiche waren durch eine verschlossene Tür voneinander getrennt. Vor diesen Bungalows standen sehr viele Bäume, die bis zur Hälfte keine Äste hatten und dadurch die Sicht nach draußen uneingeschränkt war. Der Boden war hellbraun und war mit Kiefernnadeln komplett belegt. Jens befand sich immer nur in einem Teil des Bungalows. Der jeweils andere Teil war immer verriegelt.
Es machte sich wieder ein ungutes Gefühl breit, dass womöglich eine oder mehrere unbekannte Personen versuchten in das Gebäude einzudringen und um bestenfalls nur die Einrichtung zu Zerstören. Seine Aufgabe war es, das mit allen Mitteln zu verhindern, indem er, wenn er von einer Bungaloweinheit in die nächste wechselte, die eine verriegelte und die vorhandenen Fensterläden schloss. Er kam sich vor, wie ein Schaf, das von Wölfen bedroht wird und bei dem ersten Fehler gerissen werden könnte.
Auch tauchte in diesem Traum immer wieder die "Hexe" auf, die mit einem großen Wagen immer wieder auf das Grundstück fuhr. Es war alles sehr verwirrend und diffus. Jens interpretierte das so, dass der Bungalow sein Leben darstellt und eine oder mehrere fremde Personen versuchen, in sein Leben einzudringen, um dies nachhaltig zum Schlechten zu verändern.
Der Traum endete an einer Stelle von selbst. Die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Jens war schockiert über das, was er da auf dem Flug in seine und Denise's Flitterwochen geträumt hat. Und er hoffte, dass das alles niemals eintreten würde. Im Laufe seines Lebens musste er allerdings feststellen, dass dies nicht mehr als nur eine Hoffnung bleiben sollte und immer wieder Personen in deren Leben eintreten, die versuchen dieses massiv und mit hinterlistigen Mitteln zu zerstören. Ehre sucht man bei diesen Personen vergebens. That 's life.
Flugfehler
"Ja, mein Schatz, ich nehme den nächsten Flieger, buche ihn bitte und kündige mich schon mal in Kathmandu an. Die sollen alles vorbereiten", sagte Georg von Weltzenberg zu seiner Frau Kati, die in ihrem Leipziger Büro das Gespräch entgegen nahm. Kati wusste, dass Georg auf seiner Asienreise Kathmandu als letzte Station vor seinem Rückflug nach Deutschland auch die dortige Niederlassung besuchen wollte. Aufgrund eines Triebwerksschadens des Firmenjets musste er auf eine Linienmaschine der dortigen Airline in Bangkok umbuchen.
Georg freut sich schon sehr, denn war erst mal der dortige Besuch absolviert, konnte er nach drei Wochen in Asien endlich wieder nach Hause fliegen.
Kati hatte seinem Wunsch entsprechend den Flug gebucht und informierte ihn in seinem Hotel in Bangkok. Sie selbst hat seit der Eröffnung der Leipziger Niederlassung alle Hände voll zu tun. Eigentlich hätte sie sich dort um die geschäftlichen Belange des Asiengeschäfts kümmern müssen. Aber ihr war es nicht möglich, da der gemeinsame Sohn erkrankt war und dieser einige Tage in einem Leipziger Krankenhaus lag. Allerdings war er wieder soweit genesen und konnte nach Hause.
Kati hatte zahlreiche Termine in der Zeit vor Ort wahrzunehmen. Dazu zählte der erstmalige Besuch der britischen Königin im Neuen Rathaus zu Leipzig. Dort trug sie sich in Goldene Buch der Stadt ein. Zusammen mit einigen Wirtschaftsgrößen der Stadt und aus der Region nahm Kati zusammen mit der Besucherin und dem Kanzler am Empfang teil. Es war ein großes Händeschütteln, welches einige Zeit andauerte. Die Leipziger Innenstadt war weiträumig abgesperrt, damit die hohen Staatsgäste auch nicht von den Leipziger Bürgern belästigt würden. Denn es war ja kein Wahlkampf und da wollte man seine Ruhe vor dem Volk haben.
Dennoch hatte Kati die Ehre, am Empfang teilnehmen zu dürfen und der britischen Monarchin vorgestellt zu werden. Für die Frau, die sich auch auf dem politischen Parkett bestens auskennt, war diese Zusammenkunft ein Ereignis. Nach einigen Canapés, Kaviar und einem Glas Champagner wurde der Empfang dann auch gegen Nachmittag beendet und die Leipziger Innenstadt rund um das Rathaus wieder freigegeben. In Bereitschaft waren an diesem Tag nicht nur die Polizeistaffeln des sächsischen Innenministeriums, sondern auch die Feuerwehren in und aus der Umgebung von Leipzig. Zwar waren keine großen Zwischenfälle befürchtet worden, schon deshalb nicht, weil die Teilnehmer alle recht beliebt waren, aber man wollte einfach auf Nummer sicher gehen. Auch Jens war mit seinem Löschzug in unmittelbarer Nähe des Rathauses.
Kati kehrte am Nachmittag in ihr Büro zurück. Sie fragte umgehend ihre Sekretärin, ob sich Georg schon aus Kathmandu gemeldet habe, was sie umgehend verneinen musste. Ebenso hatte sein Büro in Westdeutschland auch noch keine Nachricht von ihm erhalten.
Kati erledigte noch einige dringende Korrespondenz, die wegen des Empfangs noch nicht gesichtet werden konnte.
Sie wies ihre Sekretärin an, eine Verbindung zur Firma SFM (Name abgeändert) herzustellen und einen Besprechungstermin zu vereinbaren. Die Firma SFM ist die Firma, für die auch Jens Dornberg tätig ist. Es wird ein Termin festgelegt, zu dem die weitere Kooperation zwischen beiden Unternehmen für den osteuropäischen Raum abgestimmt werden soll.
Die Bestätigung des Termins kam prompt. "Wir werden unseren Mitarbeiter, Jens Dornberg, über den eben verabredeten Termin in vier Wochen informieren. Er befindet sich allerdings in den nächsten drei Wochen noch im Urlaub", sagte eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung und hing ein.
Kati wurde über den verspäteten Termin informiert. Ungehalten wie sie war wetterte sie entsprechend, da sie auf einen früheren Termin gehofft hatte. Sie fragte sich, wer denn dieser Jens Dornberg ist. "Die wechseln auch immer nur ihr Personal aus, nun ein Jens Dornberg. Wahrscheinlich auch wieder ein Wessi, der nur kurze Zeit hier bleibt", wetterte sie herum. Nun gut, so war es halt und Kati musste sich auch damit abfinden, daran änderte auch ihr in letzter Zeit gestiegener politische Einfluss in Dresden und Bonn nichts. Ob es ihr nun passte oder nicht.
Sie beendete für heute ihren dennoch erfolgreichen und erlebnisreichen Arbeitstag und fuhr mit ihrem BMW M5 nach Hause, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Die Haushälterin und Kinderbetreuerin konnte Feierabend machen und beide hatten nun Zeit für sich.
Gegen 19.30 Uhr versuchte Kati erneut eine Verbindung in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu herzustellen, ungeachtet dessen, wie spät es dort womöglich ist. Denn dort war es schon 1 Uhr nachts. Dort sagte man ihr, dass ihr Mann noch nicht angekommen sei. Nachdenklich hing sie wieder ein. "Er hätte seit fünf Stunden bereits dort sein müssen", wunderte sie sich.
Ohne sich weitere Gedanken zu machen machte sie ihren Sohn bettfertig, las ihm noch eine kurze Geschichte vor, versprach ihm, dass sein Vater bald wieder zu Hause sein wird, ging danach ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Sie bereitete für sich gerade ein kleines Abendessen vor als der Vorspann der Nachrichtensendung gerade lief. Die Nachrichten begannen dann mit folgender Meldung, die sie vor Schreck erstarren ließ:
"Guten Abend meine Damen und Herren. Kathmandu. Ein in Bangkok gestarteter Airbus A310 der hiesigen Fluggesellschaft verunglückte kurz vor der Landung in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Nach technischen Problemen prallte die Maschine beim zweiten Landeanflug gegen einen Berg. Die Behörden gehen davon aus, dass alle 113 Insassen an Bord dabei ums Leben kamen… . Das Auswärtige Amt in Bonn bestätigte, dass auch Deutsche an Bord gewesen sein sollen."
<< Fortsetzung folgt >>