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Die Dornbergs
- 1. Hallo Sachsen -
Das erste Mal
Es war ein warmer Julimorgen; Mittwoch der 3. Juli 1991. Im Monat zehn nach der Wiedervereinigung Deutschlands bzw. im Amtsdeutsch auch "Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland". Die DDR gab es nicht mehr.
Gut erholt aus dem Urlaub packte ich mein Auto, denn es sollte ein Aufenthalt von 2 Monaten werden. Eine lange Fahrt stand bevor. Geplant waren etwa 8 Stunden fahrt; eher mehr als weniger.
Die Fahrt führte an mehreren Städten vorbei. Es kam mir vor, als wäre es eine Reise in die Vergangenheit.
Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich nach etwa 5 Stunden Fahrt den ehemaligen Grenzübergang Herleshausen passierte. Die Grenzhäuser, in Form verlassener Baracken, standen alle noch da. Im tristen DDR-Farbton warteten sie auf ihren bevorstehenden Abriss. Die Autobahn war ebenfalls mit einem schmalen Streifen aus Beton, der offenbar abgefräst wurde, unterbrochen. Beim Überfahren wurde man wachgerüttelt, sollte man als Beifahrer denn die Fahrt durch die Geschichte verpasst haben. Das war dann der Übergang von Hessen nach Thüringen.
Fortan gab es nur noch Betonplatten, die einem mal eine bessere und dann wieder eine schlechtere Fahrweise boten, wobei letzteres überwog. Da habe ich dann auch verstanden, weshalb ich beim hessisch-thüringischem Grenzübertritt eine, sonst fürs Ausland übliche, Geschwindigkeitsübersicht passierte. Hundert Kilometer pro Stunde waren auf Autobahnen erlaubt. Auf Landstraßen, sofern man diese überhaupt so bezeichnen konnte, achtzig.
Ich befuhr dann mit meinem bronzefarbenen Ascona C die zweispurige, aus Betonplatten bestehende, Autobahn vier Richtung Dresden. Hoch auf einer Bergkuppe thronend begrüßte mich die Wartburg aus weiter Ferne. Die Autobahn führte durch Täler, über die Hörselberge, an den Städten Gotha, Erfurt und Weimar vorbei. Kurz vor Jena führte mich die Autobahn durch eine Schlucht, wie bei einer Achterbahn. Die einige Kilometer ebene Strecke stieg dann zum Ende hin an, man sah erstmal nur den Horizont. Erstmal, denn das sollte sich nach einigen hundert Metern ändern.
Und dann kam er; der Schock. Auf der höchsten Stelle angekommen, kurz bevor es wieder bergab ging, trat die Stadt Jena mit, für die DDR, typischen tristen Plattenbauten in Erscheinung. Ein WK neben dem anderen. WK hieß zu DDR-Zeiten Wohnkomplex. Dass dort überhaupt Menschen wohnten, war für mich unvorstellbar, aber es war so.
Zu diesem Zeitpunkt war die Bautätigkeit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wegen vieler ungeklärter Eigentumsverhältnisse noch nicht angelaufen. Nach der Zwangsenteignung durch die sowjetischen Besatzer nach dem zweiten Weltkrieg und Vernachlässigung durch das SED-Regime, wollten viele die oftmals dastehenden Bauruinen nicht zurück haben. Ebenso kam es vor, dass es dauerte, bis die rechtmäßigen Eigentümer erst ermittelt werden konnten, da auch viele in den Westen geflohen oder ausgereist waren.
Nachdem ich dann Jena passiert hatte, nahm ich Kurs auf das Hermsdorfer Kreuz, vorbei an einem urigen Rasthof "Teufelstal". Dieser war klein aber fein. Es war eine viereckige Hütte, in der Thüringens Spezialität angeboten wurde: Die Thüringer Rostbratwurst.
Die Fahrt ging dann ab dem Hermsdorfer Kreuz auf der Autobahn 9 Richtung Berlin weiter. Der Fahrrhythmus, von einem Schlagloch ins nächste wurde heftiger. Die Abfahrten zeichneten sich damit aus, dass sie aus Kopfsteinpflaster bestanden und als Verzögerungsspur eher untauglich für Westautos waren.
Nun tauchten vermehrt Ortsnamen auf noch zum Teil aus DDR-Zeiten stammenden Autobahn, besser noch Transitschildern auf. Die Autobahnen vier und neun waren zu DDR-Zeiten reine Transitautobahnen.
Nach etwa anderthalb Stunden Schlaglochfahrt war ich an meinem Ziel und vielleicht meiner neuen Heimat angekommen.
Ich passierte das Schild "Herzlich Willkommen im Freistaat Sachsen". Nette Begrüßung dachte ich … . Nun konnte es nicht mehr weit sein.
Mein Leipzig lob ich mir
Ich passierte dann das Ortseingangsschild Leipzig. "Leipzig - Heldenstadt der DDR" war dort zu lesen.
Empfehlungen der daheim gebliebenen Kollegen, die bereits vor mir als Westberater in den neuen Bundesländern tätig waren, hätte ich befolgen sollen, dachte ich. Den schlimmsten optischen Eindruck vorstellen und um hundert Prozent steigern. Das sollte dann Leipzig sein. Wieder saß der Schock tief. Triste Häuserfassaden, alte Fenster, mit Gerüsten abgestützte Gebäude, ein Anblick den man nie vergessen kann. Und das schlimmste: Menschen wohnen dort drin.
Nachdem der erste Eindruck nun vorhanden war, fuhr ich weiter in Richtung Innenstadt. Ich fuhr an komplexen Gebäuden vorbei, die komischerweise überhaupt nicht dem baulichen Zustand des bereits gesehenen entsprachen. Später erfuhr ich dann, dass es bestimmte Prestigeobjekte gab, die bevorzugt mit Geldern aus Ost-Berlin gefördert und instand gehalten wurden. Marketing à la DDR.
Ich befuhr die "Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee". Diesen Namen habe ich mir erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Siebenundzwanzig Zeichen für einen Straßennamen waren schon beachtlich. Die Innenstadt selber und die sogenannte Skyline von Leipzig werden von markanten Bauten wie dem Uni-Riesen, der ein aufgeschlagenes Buch darstellt und der Leipziger Buchmesse gewidmet ist, dem Hochhaus des Hotel "Merkur" und der Pleissenburg, die auch Neues Rathaus genannt wird, gekennzeichnet.
Mein Quartier sollte das Hotel "Stadt Leipzig" sein. Dieses Hotel lag direkt gegenüber vom Bahnhof, der als größter Sackbahnhof der Welt schon sehr bekannt ist. Vor diesem Bahnhof fuhren im Sekundentakt die Straßenbahnen in alle Richtungen ab. Das Straßenbahnnetz der Metropole Leipzig war, sieht man einmal von der farblichen Gestaltung der Waggons, die im taxifarbenen Beige durch die Straßen fuhren, ab, vorbildlich. Eine einfache Fahrt mit einer Linie kostete nur zwanzig Pfennig.
Ich bezog das schlauchförmige, im DDR-Stil eingerichtete Zimmer, welches auch einen kleinen Kühlschrank und einen Fernseher aufzuweisen hatte, und machte mich dann auf den Weg zu meiner Dienststelle in die Hauptverwaltung der Firma.
Das Gebäude sah aus wie ein Palast. Entlang einer Hauptverkehrsstraße zog es sich über etwa zweihundert Meter lang. Die Bausubstanz war sicher in einem besseren Zustand als so manches bereits gesehene Gebäude, aber dennoch recht passabel. Der Eingangsbereich war monumental aufgemacht. Eine richtige ansprechende Empfangshalle begrüßte den Besucher. Mein Einsatzgebiet war jedoch im Kundenzentrum in der ersten Etage. Eine langgezogene Halle, die der Außenfront auf der Länge entsprach.
Ich stellte mich bei meinen vorübergehenden Vorgesetzten vor und ich erfuhr einige Details über das repräsentative Gebäude, welches für 3 Wochen meiner Westberatertätigkeit mein Arbeitsmittelpunkt sein sollte. In dem Gespräch wurde schon angekündigt, dass ich nach diesen drei Wochen dann in einer Nebenstelle arbeiten würde, um den Kolleginnen und Kollegen auch dort eine Unterstützung zu sein.
Diese Nebenstelle befand sich in einem Gebäudekomplex, welches nach oben sichtbar vier Etagen aufweisen konnte. Nach unten hin noch einmal mindestens die gleiche Anzahl von Kellergeschossen besaß und in der jüngsten Geschichte einen festen Platz hatte und in der Leipziger Bevölkerung als Ort des Schreckens gefürchtet war.
Es war das ehemalige Gebäude der "Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit" (MfS), die 40 Jahre lang dort ihren Sitz hatte. Das Gebäude wird auch als "Runde Ecke Leipzig" bezeichnet. Mit einem gewissen Respekt vor der gesamtdeutschen Geschichte, angereichert mit Verachtung und Abschaum gegenüber dem, was die Stasi für Verbrechen begangen hat, war ich auf die Räumlichkeiten dennoch sehr gespannt.
Nach diesem Gespräch konnte ich dann ins Hotel fahren, wo ich mir erst einmal einen Überblick über die Fernsehprogramme verschaffte.
Ich tätigte nach mehreren erfolglosen Vermittlungsversuchen ein Standardtelefonat nach Hause, dass ich gut in Leipzig angekommen war. Solche Probleme war ich nicht gewohnt. Bei uns funktionierte immer alles reibungslos.
Neugierig wie man nun mal ist, wenn man in einer unbekannten Stadt angekommen ist, bin ich dann abends noch in die Innenstadt, die hinter dem Hotel begann, gelaufen. Historische Bauten, die den zweiten Weltkrieg überstanden hatten reihten sich aneinander. Ich hatte bei zahlreichen Gebäuden den Eindruck, dass 40 Jahre SED-Herrschaft das vollendet haben, was der zweite Weltkrieg begonnen hatte. Nämlich die Zerstörung historischer Bauten.
Ich schlenderte durch die Gassen. Die Strassen konnte man hier wirklich noch Gassen nennen. Vorbei am Alten Rathaus, an der Börse, durch die Mädlerpassage mit dem berühmten Restaurant "Auerbachskeller" bis hin zum Neuen Rathaus, der Pleissenburg. Vor der Pleissenburg zum Ring hin stehend, war noch das alte Reichsgericht, auch Dimitrow-Museum genannt, zu sehen, welches irgendwann den Bundesgerichtshof beherbergen sollte. Ich lief zurück zum Hotel. Der Weg zurück führte mich am Sitz der Bundesbank, dem Uni-Riesen, dem Gewandhaus und der Oper vorbei.
Ein beeindruckender Tag ging dann zu Ende.
Die Sachsen
Von den Sachsen sagt man, sie seien ein Volk für sich. Das kann ich nur bestätigen, muss allerdings ergänzen, dass sie auch ein nettes Volk sind.
Früher hatte ich immer Gedacht, die Sachsen sind alles Grenzposten, da nahezu jeder Grenzposten "gesächselt" hat. Ich musste aber feststellen, dass dem nicht so ist. Zwischenzeitlich bin ich auch dem sächsischen Dialekt mächtig und kann in ein Geschäft einkaufen, ohne dass jemand merkt, dass ich aus dem Ruhrgebiet oder Kohlenpott komme. Dieser Kohlenpott-Dialekt ist für viele auch gewöhnungsbedürftig.
Die Sachsen wirken im Wesen sicherlich für den ein oder anderen ein wenig stur. Kennt man sie aber genauer, weiß man wie diese Verhaltensweise gemeint ist.
Ich hatte mit einheimischen Arbeitskolleginnen und -kollegen nie Probleme. Sicherlich gab es Personen, denen es nicht gepasst hat, dass ich mit hundert Prozent Gehalt nach Hause gehe und sie nur siebzig Prozent des Westgehaltes erhalten.
Aber ich habe deutlich gemacht, dass diese Regelungen nicht von mir getroffen wurden und ich lediglich der Nutznießer bin.
Ich habe in meiner Zeit sehr viele nette Menschen kennengelernt, die ich bis zum heutigen Tage noch sehr vermisse bzw. immer vermissen werde.
Der Unbekannte im Auerbachs Keller
Eines Abends wollte ich die Spezialitäten meiner Stadt näher kennenlernen und entschloss mich, in den Auerbachskeller zu gehen, der wohl berühmtesten und zweitältesten Gaststätte Leipzigs. Im Zentrum Leipzigs gelegen und nur wenige Schritte vom Markt und dem "Alten Rathaus" entfernt, teilt sich der Keller in vier historische Weinstuben sowie dem "Großen Keller" auf. Am Zugang zur Gaststätte befinden sich Skulpturen, die eine Szene aus Goethes "Faust" darstellen sollen, die den Gast auf ihre besondere Art und Weise kulturell begrüßen. Geht man die Treppen hinab, erreicht man dann das eigentliche Restaurant.
Erstmals wurde der Weinausschank im Jahre 1438 erwähnt. Den heutigen Namen erhielt die Gaststätte nach dem damaligen Eigentümer, dem Leipziger Stadtrat und Medizinprofessor Dr. Heinrich Stromer, der nach seinem Geburtsort Auerbach in der Oberpfalz nur "Dr. Auerbach" genannt wurde. Als Leibarzt des Kurfürsten von Sachsen ließ ihm dieser wegen treuer Dienste das Weinlokal einrichten.
Seine weltweite Bekanntheit verdankt der Auerbachs Keller, der bereits im 16. Jahrhundert zu den beliebtesten Weinlokalen der Stadt gehörte, vor allem Johann Wolfgang von Goethe. Dieser war während seines Studiums in Leipzig 1765-1768 oft zu Gast in Auerbachs Keller. Hier sah er die beiden um 1625 entstandenen Bilder auf Holz, auf denen der Magier und Astrologe Faust mit Studenten pokuliert und - auf dem anderen - auf einem Weinfass zur Türe hinaus reitet.
Die Faustsage kannte er bereits aus Kindertagen durch das Puppenspiel vom Dr. Faust, welches auf Jahrmärkten aufgeführt wurde. Mit der Szene Auerbachs Keller in Leipzig in "Faust I" hat er seinem Studentenlokal und der Stadt ein literarisches, wenn auch durchaus ironisches Denkmal gesetzt: "Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.".
Soviel zur Geschichte.
Ich betrat das Restaurant und wurde freundlich begrüßt. Das Lokal besaß zwar keinerlei Fenster, die einen Blick nach draußen ermöglichten. Dennoch war ich begeistert von dem, was ich sah. Es schien, als wäre die Zeit stehengeblieben.
Dunkelbraune Holzvertäfelungen an den Wänden und Kronleuchter spiegelten die Epochen vergangener Zeiten des Restaurants wider.
Ohnehin fiel es mir schon zu diesem Zeitpunkt schwer, mich nicht für etwas zu begeistern, was mit meiner Wahlheimatstadt Leipzig zu tun hatte.
Wie damals zu DDR-Zeiten üblich, wurde ich einem Tisch zugewiesen. Ungewöhnlich für mich war es, dass ich nicht einen Tisch für mich alleine bekam, sondern an einen Tisch platziert wurde, an dem bereits ein Gast saß.
Es war ein kräftiger Mann von gleicher Statur wie ich, der wie wild neben seinem bereits leer gegessenen Teller im Touristenführer der Stadt blätterte und sich auch über die wunderbare Stadt zu informieren versuchte. Ich hatte den Eindruck, es wäre mein Spiegelbild, was vor mir sitzt.
Wir stellten uns vor. Jens Dornberg hieß er und er kam ebenfalls aus dem Ruhrgebiet und war auch als Westberater abgeordnet. Zu einem ausführlicheren Gespräch kam es zunächst noch nicht, da der Kellner bereits vor mir stand und auf meine Getränkebestellung wartete. Zugleich übergab er mir die Speisekarte, weshalb ich dann erstmal beschäftigt war und sich keine Möglichkeit zu einem Gespräch bot.
Jens rief den Kellner zu sich heran und bezahlte seine Rechnung, verabschiedete sich mit einem Nicken des Kopfes und verließ das Restaurant.
Nun hatte ich doch noch einen Tisch für mich alleine und konnte von meinem Platz die Einrichtung noch einmal genau in aller Ruhe betrachten.
Nach etwa einer Stunde verließ auch ich das Restaurant mit einem sehr guten Eindruck und beschloss am nächsten Abend wieder dort zu essen.
Der nächste Arbeitstag war geprägt davon viele neue Menschen und ihre Mentalität kennenzulernen.
Nach getaner Arbeit ging ich - und diesmal etwas früher, als den Abend zuvor - wieder in das Restaurant. Wieder war ich beeindruckt von der Lokalität und wieder wurde ich zu einem Tisch geführt. Diesmal saß noch niemand dort. Ein Tisch für mich, dachte ich und in dem Moment ging die Tür auf und Jens kam herein und wurde vom Kellner zu meinem Tisch geführt.
Ich kam mit Jens ins Gespräch und wir unterhielten uns, als würden wir uns schon immer kennen. Gegen 23 Uhr verabschiedeten wir uns und wir beabsichtigten, den Kontakt nicht abbrechen zu lassen.
Der Kontakt ist auch bis heute nicht abgebrochen. Wir trafen uns kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag 2009 wieder.
Er erzählte aus seinem Leben. Es waren abendfüllende Geschichten, die er zu berichten wusste.
Es waren Geschichten, die an die, in den 80iger Jahren laufenden amerikanischen Seifenopern erinnerten.
Intrigen, Machtpoker, Verrat, Neid, Krankheiten, Liebeleien und Geld spielten die Hauptrolle in seinem bisherigen Leben.
Vielleicht bringe ich diese Geschichten auch eines Tages zu Papier … .