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Die Dornbergs
- 3. Reversus -
Die Party im Westen
Tobias und seine Begleiterin Carola amüsieren sich prächtig auf der Party. Von der Tanzfläche sind sie nicht mehr wegzubekommen. Als der DJ bemerkt, dass es zwischen beiden nun auch offensichtlich gefunkt hat, legt er nur noch Schmusesongs auf. Beide tanzen und tanzen, wobei sie alles um sich herum vergessen … .
Das Buffet, welches auf einem Tapeziertisch aufgebaut war, ist schon fast leer geräumt, der Gastgeber sticht noch ein kleines Fass Bier an, damit niemand auf dem Trockenen sitzen muss. Tabletts mit kleinen Schnäpsen machen die Runde und jeder greift noch kräftig zu.
Der Frauenanteil an diesem Abend hielt sich durchweg in Grenzen. Carola war eine von wenigen Frauen, die an dieser Party teilnahmen. Aber sie war ja auch nur in Vertretung erschienen. Ursprünglich wäre sie nur eine Begleiterin gewesen, die abseits im Schatten ihres Freundes gestanden hätte. Aber das war anders gekommen. Sie und ihr Tänzer, die große und der kleine, wurden aufgrund ihres Tanzeifers zu ungewollten Hauptpersonen des Abends.
Zu fortgeschrittener Stunde, am frühen Sonntagmorgen, neigt sich auch die Party langsam dem Ende zu. Das Bier ist fast aufgebraucht, die ersten Gäste haben die Party bereits verlassen. Tobias steht nun vor einem großen Problem. Hatte er doch Carola abgeholt, so wäre es für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen, selbige auch wieder sicher nach Hause zu bringen. So wäre es, wäre er denn noch fahrtüchtig gewesen. Das war er aber nicht und so bestellte er ein Taxi, welches beide jeweils nach Hause bringen sollte.
Das Taxi kam und beide beschwipsten Fahrgäste stiegen ein. Tobias dirigierte das Taxi erstmal zu sich direkt nach Hause, da er nicht weit weg vom Ort des Geschehens wohnte. Nun war Carolas Chance gekommen. Was konnte ihr besseres passieren. Zu Hause bei ihr war keiner und Tobias war ziemlich betrunken. Zuerst bemerkte Tobias nicht, dass Carola auch aus dem Taxi ausgestiegen ist. Er bezahlte noch das Taxi und schwankte zu seiner Haustüre um die Türe aufzuschließen. Erst da bemerkte er, dass er nicht alleine war. Nach mehreren misslungenen Versuchen, für seinen Schlüssel das passende Schlüsselloch zu finden, obwohl nur eines da war, er aber bestimmt zehn gesehen haben muss, konnte er die Türe öffnen.
Alles klar, dachte er, dann bleibt sie eben hier. Beide gingen in seine Wohnung … .
Am anderen Morgen wachten beide auf, von einem schlechten Gewissen geplagt, über das, was letzte Nacht passiert ist und nie wieder passieren durfte. Sie versprachen sich auch gegenseitig, niemals darüber zu sprechen. Carola versprach es zwar, aber sie sollte ihr Versprechen Jahre später einmal brechen ... .
Carola ließ sich dann nach dem gemeinsamen Frühstück nach Hause fahren. In ihr liefen noch einmal alle Bilder in Gedanken ab; das Buffet, die vielen netten Menschen, die teilweise ganz normale und vor allem zeitgemäße Einstellungen zum Leben und zur Partnerschaft sowie auch zu anderen Menschen hatten.
All das hat sie erlebt, was in ihrem Leben fehlt. Vermutlich auch deswegen, weil sie selbst ein sogenanntes Scheidungskind war und immer zwischen ihren Eltern stand bzw. zwangsläufig stehen musste. Verkraftet hat sie das nie. Sie ist weit weg von jeglichem Selbstbewusstsein, was eine Frau ihres Alters eigentlich von zu Hause mitbekommen haben sollte.
Diese Frau würde genug Stoff bieten, um eine eigene Geschichte zu schreiben, aber dafür fehlen die ganzen und vollständigen Hintergründe. Jens ist der Meinung, dass es hier auch nicht um die Person geht, sondern um die Verhaltensweisen, die diese Frau an den Tag gelegt hat und immer wieder an den Tag legen wird.
"Sie hat sogar versucht, weil sie mit mir zusammenkommen wollte, meine glückliche Ehe zu torpedieren. Ist ihr aber nicht geglückt, da sie sich recht ungeschickt angestellt hatte", sagte Jens dazu. Jens überraschte mich mit dieser Bemerkung.
"Nun aber mal ehrlich", fragt mich Jens, "würdest du das Verhältnis der drei untereinander etwa als Freundschaft bezeichnen?
Zwei, die den Dritten hintergehen?"
Ich konnte ihm nur zustimmen, auch wenn ich die Personen nicht kannte, um die es hier geht.
Er fügte noch hinzu: "Der Begriff ‚Freundschaft' ist ohnehin bei Personen dieser Gattung ein Fremdwort, und sie sind unfähig, in eine Freundschaft zu investieren, geschweige denn diese über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, weil immer wieder die Eigenschaften des Ur-Menschen durchbrechen, die mit den heutigen Lebenseinstellungen moderner, aufgeklärter Menschen, die die Würde des Anderen respektieren und achten, zwangsläufig kollidieren müssen ... ."
Die Ankunft
Jens' Ankunft in Leipzig erfolgte an einem Sonntag, dem 2. Advent. Den ganzen Tag war das Wetter grau in grau, als wollte der Himmel vor einem Wechsel nach Sachsen warnen.
Nach nur 6-stündiger Fahrt nun in der Stadt seiner Träume angekommen, kam der Schock. Die Firma hatte Jens in einem Quartier unweit des Leipziger Zoos eine Bleibe besorgt oder wie man auch damals noch sagte: organisiert. Bei Eintritt in das sanierungsbedürftige Haus, in der sich die Pension befand kam der nächste Schock. Das Haus hatte zwar Stuckdecken, die aber sicher schon bessere Zeiten erlebt hatten, die Wände im Treppenhaus waren offensichtlich auch zuletzt nach der Abdankung des letzten sächsischen Königs mit Farbe in Berührung gekommen. Die Holztreppen in die oberen Etagen waren abgetreten, mittig waren richtige Wölbungen zu vernehmen.
Nun gut das war seine vorübergehende Unterkunft, bis er eine andere gefunden hatte. Die Hoffnung auf Besserung des Anblicks schwand nun endgültig, als Jens in sein Zimmer geführt wurde. Das Zimmer war höher, als es breit war. Schlauchförmig, mit hohen undichten Fenstern. Bis zur Spur der Straßenbahn waren es gefühlte anderthalb Meter; man hatte den Eindruck sie ratterte direkt durchs Zimmer. Nun, hoch genug wäre es ja auch gewesen. Mittig im Raum war ein stochernder Kohleofen, den man nicht runterregulieren konnte; eine Heizung im bekannten Sinne suchte man vergeblich. Das Einzelbett war klassisch durchgelegen. Wahrscheinlich lag dort schon Goethe oder Honecker drin. Eine Toilette suchte man in dem kleinen Raum vergebens; lediglich ein Waschbecken war an der Wand montiert. Einen Fernseher im Zimmer gab es ebenso wenig wie die besagte Toilette. Es war aber eine Kollektivtoilette auf dem Gang, die für alle Gäste offen stand; ebenso die Dusche. Neben vielen bunt zusammengestellten Teppichen im breit angelegten Flur, von dem die Türen zu den Zimmern abgingen, standen auch antik wirkende Möbel herum.
Da es Weihnachtszeit war, hat sich Jens einen kleinen Tannenbaum von zu Hause mitgenommen, den er als positiven Mittelpunkt seines tristen Raumes aufstellte. Ein kleiner Lichtblick … zumindest. Mit solch einer Unterkunft hat er einfach nicht gerechnet.
Jens packte aus. Danach machte er sich auf den Weg in die Innenstadt, wo der liebevoll, unter Anleitung des Unternehmens von Käthe Wohlfarth aus Rothenburg ob der Tauber, aufgebaute Leipziger Weihnachtsmarkt zu finden war. Teils mit neuen Holzhütten zusammengestellt vor dem Alten Rathaus zu Leipzig, von dessen Balkon eine Gruppe von Musikern die weihnachtliche Stimmung mit entsprechender Musik dezent untermalten, fand man als Gegenstück auf dem Sachsenplatz das Relikt aus alter Zeit. Zu DDR-Zeiten war an dieser Stelle immer ein Märchenwald aufgebaut. So auch heute noch. Ansprechend dargestellte Szenen aus unterschiedlichsten Märchen waren dort natürlich dargestellt. Auch wenn Jens aus dem Alter bereits raus war, fand er diesen Teil des Weihnachtsmarktes äußerst unterhaltsam und war davon sehr beeindruckt.
Jens schlenderte durch die zahlreichen Budengassen und suchte sich einen Stand, an dem er sein Abendessen einnehmen konnte. Er war noch darauf angewiesen, denn die große Amerikanische Fast-Food-Kette sollte erst im Sommer des folgenden Jahres den Weg in die Messestadt Leipzig finden.
Nach einer genüsslichen Thüringer Rostbratwurst und einer Schale Pommes frites ging Jens zurück zur Pension.
Am anderen Morgen erwartete ihn ein kleines Frühstück mit aufgebackten Brötchen und einem dünnen Kaffee, wo man den Grund der Tasse sehen konnte. Der Frühstücksraum roch nach längst vergangenen Tagen und kaltem Zigarettenrauch vom Vorabend. Gefühlt rollten die Straßenbahnen durch den Flur. Auch glich die Einrichtung eher einem Antiquitätengeschäft als einer Pension. Die freundliche Wirtin wirkte, als sei aus einem Tiefschlaf gerissen worden, als sie die zweite Tasse Kaffee einschenkte, und als ob sie sich anschließend wieder in ihr Bett zurückziehen wollte.
Nun denn, er hat es nicht anders gewollt. Er war nun da, wo er sein wollte und das war für ihn die Hauptsache.
Als er aus der Haustüre heraustrat, sah er, in was für einem Haus er untergebracht war. Dagegen wirkte das Hauptfirmengebäude als Palast und die Runde Ecke am Dittrichring als angenehme Hotelunterkunft. Die Fassade bröckelte, der noch haftende Putz muss wahrscheinlich aufgrund der hohen Luftverschmutzung sich in den letzten Jahrzehnten so verfärbt haben, wie er nun aussieht. Die eigentlich weißen Fensterrahmen waren auch schon nicht mehr weiß und passten sich der Fassade an. Kein Wunder, denn fast jedes Haus wurde mit Braunkohle beheizt. Teilweise vorhandene Fernwärmeleitungen waren Luxus in den Mehrfamilienhäuser.
Jens kannte die Verschmutzung nicht aus dem Ruhrgebiet, zumindest nicht aus jüngster Zeit. In den 1970er Jahren war dies allerdings auch im Ruhrgebiet so trist. Er fühlte sich in die Vergangenheit zurückversetzt.
"Welcome back …to the 60th" blieb da nur zu sagen.
Der zweite "erste" Arbeitstag
Jens fuhr nach dem Frühstück direkt ins Büro. Auf der Fahrt dorthin bemerkte er an vielen Stellen, dass weißer Dampf aus den Gullis aufstieg.
Er dachte so, der Teufel will wohl den in Berlin inhaftierten Honecker zu sich holen.
Die erste Erfahrung, die er machen durfte war die, dass er nach etwa 20 Minuten an einer Ampel vor der Firma stehend in unmittelbarer Nähe der Firma keinen Parkplatz finden konnte. Recht schnell hatte man nach der Wiedervereinigung Parkscheinautomaten aufgestellt, damit Leipzig ganz schnell zu Geld kommt.
Am etwas weiter entfernten Zentralstadion hat er aber dann doch Glück gehabt. Er wurde schon in der Personalabteilung erwartet. Die erste Handlung war: Auszahlung des Dezembergehaltes Gehaltes, der Zulagen und natürlich des Weihnachtsgeldes, welches er im Westen ja nicht mehr erhalten hatte. Er hatte eine Summe bekommen und quittiert, die den Kaufpreis seines bankfinanzierten Opel Ascona C bei weitem überstieg. Soviel hatte er mit seinen jungen zweiundzwanzig Jahren noch nie in Händen gehalten.
Und schon stellte sich das nächste Problem ein. Das Girokonto war noch im Westen, es war Montag und bis zum Rückflug am Freitag um 14 Uhr dauerte es noch. Wohin mit dem Geld? In der Pension belassen? Das war wohl zu riskant, bei dem Sicherheitsstandard der Zimmertüre. Er entschloss sich, das Geld im Auto an mehreren Stellen zu deponieren und damit stieg der Wert des Opel-Asconas um fast das doppelte. Der Arbeitstag verlief recht informativ. Jens lernte viele Kollegen kennen unter anderem auch seinen zukünftigen Dezernenten Will Lechtingen, einem "Wessi" vom Niederrhein, West- und Ostdeutsche und machte sich wieder mit der sächsischen Mundart vertraut.
Der vollbärtige Will Lechtingen war etwa Mitte bis Ende vierzig, verheiratet, wie fast alle Wessis übrigens, und hatte eine ziemlich laute Stimme. Wie ein typischer Vorgesetzter eben. Dies ließ er, vorwiegend bei den Ostmitarbeitern, auch immer durchblicken, wenn er überhaupt mit diesen Mitarbeitern einige Worte wechselte. Er war fanatischer Karnevallist, Mitglied im Schützenverein und wohnte mittlerweile in einem Domizil in Großsteinberg am See.
Jens erfuhr an diesem Tage auch, dass er ab dem neuen Jahr wieder in der Firmen-Niederlassung tätig sein wird, die in der ehemaligen Stasi-Bezirksvertretung untergebracht war. Da sich diese Niederlassung in der Stadtmitte befand, kam ihm das sehr gelegen. In dieser Niederlassung würde dann auch Jens' Frau Denise arbeiten, die ab dem neuem Jahr ebenfalls bei dem Unternehmen eine Anstellung gefunden hat.
Jens hatte mit anderen Kolleginnen und Kollegen zu tun, als wie in seiner Zeit als Aufbauhelfer. Als "Wessi" wurden diese, die eine feste Anstellung eingingen, oftmals sehr skeptisch begutachtet, wenn überhaupt beachtet. Auch kam es nicht selten vor, dass sich einige verlassene Mitarbeiterinnen an diese Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes ranschmissen.
Die kritische Begutachtung sollte sich aber bald legen. Vom Menschlichen hob sich Jens nämlich von den anderen ab. Jens sprach nicht über Zulagen, die er erhält, er sprach nicht darüber, dass die Unterkunft aus dem Fonds "Deutsche Einheit" gezahlt wurde und er vermittelte auch nicht den Eindruck, dass alles die Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten bisher nichts nichts in ihrem Leben geleistet haben, wie andere es nur zu gut zu vermitteln wussten.
Denn tatsächlich ist der Umbruch von Leipzig ausgegangen und dort waren Leipziger, und keine Westdeutschen, die die Wende herbeigeführt hatten.
Denn während man im Westen ruhig im Sessel saß und sich von den stattfindenden Ereignissen, vielleicht noch bei einer Flasche Wein zur Unterhaltung berieseln ließ, standen in ostdeutschen Städten die Menschen auf der Straße, mit der ständigen Gefahr, dass die Sowjetarmee, brutal wie nach chinesischem Vorbild am "Platz des himmlischen Friedens" im Frühjahr des selben Jahres, eingreifen würde, um das Regime der SED-Greisen von Ost-Berlin zu stützen.
Diese Leistung hat Jens nie abgewertet oder jemals in Frage gestellt. Es war eine Leistung, es ist eine Leistung und es wird auch immer eine Leistung der mutigen ostdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern sein.
Und eben diese Einstellung zur Geschichte kam offenbar an, zumal sie ehrlich und nicht nur gespielt war.
Auf der Johannishöhe
Eines Morgens bekam Jens einen Anruf einer freundlichen Dame aus der Personalabteilung und sie teilte ihm mit, dass sie eine Adresse habe, von einem älteren Ehepaar, die ein möbliertes Zimmer frei hätten.
Jens notierte sich die Adresse. "Johannishöhe" hieß die Straße. Klang schon mal ganz gut, dachte er. Den südöstlichen Stadtteil Dölitz-Dösen kannte Jens noch nicht. Man sagte ihm, dass Markkleeberg nicht weit davon entfernt sei. Er machte sich auf den Weg zur Johannishöhe.
Dort angekommen, war er angenehm überrascht. Die Häuser waren zwar auch noch fast alle im tristen beige, einige würden auch DDR-grau sagen, aber es war zumindest ein Haus, welches nach der ersten Etage ein Dach aufzuweisen hatte und nicht allzu groß war. Das Haus hatte einen Vorgarten mit vielen kleinen Gartenzwergen und einen überdachten Eingang. Da Haus befand sich direkt an einer Kreuzung des Wohngebietes. In der Kreuzungsmitte war ein Rondell in dessen Mitte eine ganz alte Eiche stand und auch heute noch steht.
Jens betrat das Grundstück und las den Namen "Hubertz". Jens schellte an. Eine ältere Dame öffnete die Tür mit einem eher reservierten "Güdden Toch, isch bin Frau Hubertz" die Türe und bat Jens hinein, nachdem er sich kurz vorgestellt hatte. Die Dame war eher ärmlich gekleidet, man konnte sehen, dass sie auf das Geld, welches sie durch die Vermietung erhielt angewiesen war.
Der Flur, in dem der erste Smalltalk stattfand war recht klein. Ein in der Wand eingelassener Holzkohleofen, der offenbar vom Flur und einem anderen Zimmer zugänglich war und befeuert werden konnte, sorgte für eine angenehme Wärme.
Sie gingen die Treppe hinauf in die erste Etage. Dort befand sich die Toilette mit einem unter der Decke befindlichen Wasserkasten, der dafür sorgte, dass auch alles mit dem erforderlichen Druck weggespült werden konnte, was in der Toilettenschüssel lag. Daneben befand sich das Bad mit einer Wanne mit einer Handbrause, die an einem Kohleofen, wie Jens ihn aus den 1970er Jahren her noch kannte, verbunden war. Die Wanne stand in den Raum hinein stand. Weder ein Duschvorhang noch ein Spritzschutz waren vorhanden. Zwei Waschbecken waren aber vorzufinden. Und am Ende war eine gemauerte Wand aus Glasbausteinen, hinter denen sich ein Saunaofen befand.
Die Besichtigung wurde fortgesetzt. In der ersten Etage befand sich zudem ein weiteres Gästezimmer, daneben das Schlafzimmer der Vermieterin und ihres Mannes. Sie gingen noch eine Etage höher. Hier erwartete Jens einen mit Holz geschmackvoll eingerichteter Vorraum mit einer rustikalen Sitzgruppe, bestehend aus Bank, Tisch und zwei Stühlen. Als Garderobe waren vier Rehläufe auf ein Holzbrett montiert. Die Deckenlampe bestand aus Rehgehörnen. Insgesamt verstreute dieser Raum mit dem großen Fenster, durch das man einen guten Blick über die Johannishöhe Richtung des Leipziger Stadtzentrums hatte, eine angenehme Atmosphäre, im Gegensatz zu dem Raum, dessen Türe nun geöffnet wurde. Der etwa zwölf Quadratmeter große Raum hatte ein Doppelbett mit jeweils einem Nacht, selbstverständlich durchgelegen, ein Waschbecken mit Wasserboiler, zu beiden gegenüberliegenden Seiten jeweils ein kleines doppelt verglastes Fenster, wobei die Doppelverglasung aus zeit hintereinander befindlichen Flügeln bestand und ein Kleiderschrank. Die Tapete war dem Alter des Ehepaares entsprechend. Für diesen Raum gab es keine Heizung in gewohnt westlicher Art und Weise, sondern einen kleinen Ölradiator mit 6 Rippen. Wohl bemerkt mit sechs Heizrippen! Nun gut. Diese Unterkunft war zwar wieder kein Palast, aber schon alleine der jagdlich eingerichtete Vorraum war es schon wert, sich keine weiteren Unterkünfte anzuschauen. Jens teilte Frau Hubertz mit, dass er Anfang Januar mit seiner Denise, mit der er dann verheiratet sein wird, einziehen werde. Frau Hubertz kündigte an, dass sie dann auch einen kleinen Fernseher in den Vorraum stellen werde. Jens bedankte und verabschiedete sich dann. Er fuhr zur Zimmervermittlung und erledigte alle Formalitäten. Als Jens den Preis für die Unterkunft erfuhr, wurde er kreidebleich. Tausend Deutsche Mark sollte Familie Hubertz für die Unterkunft bekommen. Allerdings war hier ein Frühstück schon inbegriffen.
Nach einer sehr interessanten ersten Woche flog Jens freitags nach Hause, wurde von Denise und ihrer Mutter Almuth Clasen abgeholt. Schon während der fahrt vom Düsseldorfer Flughafen nach Hause berichtete er von den Erlebnissen in Sachsen ... .
Unsere Unterhaltung wurde unsanft durch das Läuten seines Handys unterbrochen. Jens verlies den Saal um ungestört zu telefonieren, da die Geräuschkulisse sehr groß war; das Gespräch schien wichtig zu sein, denn er hatte offenbar auf diesen Anruf schon gewartet.
Als er wieder in den Saal zurückkam, hörte ich ihn nur das Gespräch mit den Worten beenden: "Deine Anwesenheit ist derzeit noch nicht erforderlich. Du kannst in Bayern bleiben. Dein finaler Auftritt wird bestimmt noch kommen … er lässt sich wohl nicht vermeiden." Was meinte er denn damit schon wieder?
Er sagte mir nur kurz, dass es eine mittlerweile in der Öffentlichkeit stehende Frau namens "Kati" war, eine, wie Jens errötend und verlegen zugab, sehr, sehr gute Freundin aus alten Tagen, die es vom Ruhrgebiet in eine andere Region verschlagen hat. Sie wollte sich über den Sachstand bestimmter Vorkommnisse bei Jens zu Hause im Ruhrgebiet informieren … und kurzfristig wieder ihren alten Wohnsitz im Villendorf der "sympathischen Stadt am Fluss" auf unbestimmte Zeit und so lange wie nötig nutzen, um Jens zur Seite zu stehen.
Ist das erforderlich?.
Was meinte er denn damit schon wieder?
Vorkommnisse?
Wer ist die Person?
Der Dresdner Empfang
Jens begann kurz von "Kati" zu erzählen ... .
In der sächsischen Hauptstadt Dresden fand sich an einem Dezemberabend eine große Anzahl schwarzer Limousinen mit meist westdeutschem Kennzeichen zu einem Empfang ein, der in einem prunkvoll gestalteten Saal nahe der Ruine der Dresdner Frauenkirche stattfinden sollte.
Auf der Gästeliste standen Unternehmer aus der gesamten Republik, was man auch an den Autokennzeichen ablesen konnte. Unter ihnen war auch die gerade mal 28-jährige Anna-Katharina von Weltzenberg, genannt Kati, mit ihrem, 10 Jahre älteren, Ehemann, Georg von Weltzenberg.
Die von Weltzenbergs entstammen einer Adelsfamilie, die sich allerdings den republikanischen Gegebenheiten angepasst hat und verzichtet seit Inkrafttreten der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 auf die Anrede mit Titel. Ein symbolisches Datum für Jens, denn er ist auf den Tag genau 50 Jahre später geboren.
Kati ist eher eine zierliche Person, mit kurzen blonden Haaren und meist braungebrannt und ihr Make-up ist meist dezent aufgetragen. Sie gehört zu den Frauen, die wissen, was sie wollen und auch, wie sie alles bekommen, was sie haben wollen.
Beide sind Inhaber eines großen bundes- und weltweit agierenden Dienstleistungsunternehmens, welches einen weiteren Sitz in Leipzig oder möglicherweise auch in Dresden plant.
Georg von Weltzenberg, den Jens nach eigenen Angaben nur höchstens einmal gesehen hat, ein studierter Betriebswirt, hat schon im Vorgriff auf eine mögliche Deutsche Wiedervereinigung die Gunst der Stunde 1989 erkannt und seine Geschäftstätigkeit auf die damalige DDR ausgeweitet; mit bisherigem Sitz Magdeburg. Georg, als Mensch, dem zwar Regeln, aber auch die Menschlichkeit, über alles gehen, vertritt die Ansicht, dass sein Unternehmen dem Osten in Gänze nur Vorteile bringen dürfte.
Kati hat schon zu dieser Zeit beste politische Ambitionen und ist schon mit ihrem jungen Alter, in der Öffentlichkeit präsent und hat einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Georg und Kati sind seit fünf Jahren ein Paar, seit zwei Jahren verheiratet und haben einen einjährigen gemeinsamen Sohn Timothy.
Trotz ihrer Familienverhältnisse beabsichtigt Kati dennoch die Leitung der neuen Niederlassung zu übernehmen. Ihre Bedingung ist allerdings, dass der Sitz in einer Stadt mit Flughafen sein muss, um schnell wieder zu Hause sein zu können. Sie wohnt mit ihrem Mann Georg in einem Haus mit rund 15 Zimmern in der Stadt, die den Zusatz hat "Sympathische Stadt am Fluss" trägt.
Jens und Kati wohnen nicht allzu weit auseinander. Begegnet sind sie sich bis dahin aber noch nicht.
Der Empfang verläuft sehr harmonisch. Die von Weltzenbergs treffen viele alte, ihnen bereits bekannte, aber auch zum Teil auch neue Gesichter. Es werden Gespräche geführt, Vorgehensweisen abgestimmt und die anwesenden Frauen amüsieren sich prächtig und klammern sich dabei an ihren Champagnergläsern. Das aufgebaute Buffet hat neben einheimischen Leckereien, wie Leipziger Allerlei, Sächsischen Schweinebraten, auch einige Delikatessen wie Austern und Froschschenkel zu bieten
Während des Abends kommt es überraschend und unerwartet bei Georg zu einer Entscheidung, die die Frage des neuen Standortes abschließend beantwortet. Was Anlass dafür war, weiß nur er.
Der Empfang endet gegen Mitternacht. Ein Fahrer bringt die von Weltzenbergs zu ihrer Dresdner Unterkunft auf der anderen Flussseite des Elbflorenz'. Auf der Fahrt zum Hotel offenbart Georg seiner Kati:
"Den Zuschlag für die neue Niederlassung des Weltzenberg'schen Dienstleistungsimperiums erhält Leipzig." Anna-Katharina von Weltzenberg übernimmt also die Leitung der zukünftigen Niederlassung in Leipzig.
Schon in ein paar Tagen wird sie die Einrichtung ihres weiteren Wohnsitzes vornehmen, von dem aus sie dann den Aufbau der Niederlassung steuern wird ... .
Nun, Jens wusste soviel aus seinem Leben zu berichten, dass wieder einmal nur ein Abend gar nicht ausreichen konnte. Bei der Fülle von Erzählungen haben wir zudem ganz die Zeit vergessen und nicht bemerkt, dass es bereits schon sehr spät geworden war und die Gaststätte geschlossen werden sollte.
Wir beschlossen an dieser Stelle erstmal unsere abendfüllende Unterhaltung zu unterbrechen und verabredeten, uns in absehbarer Zeit wiederzusehen.
Jens meinte es gibt noch viel zu erzählen. Er nannte nur einige Schlagwörter, aber die ließen schon vermuten, dass noch spektakuläre, turbulente Geschichten anstehen würden, die von Schlechtigkeiten und Intrigen geprägt sein werden.
Als wir uns verabschiedeten, musste ich noch eine Frage allerdings loswerden: "Wie stehst oder standest du zu dieser Anna-Katharina, die du liebevoll "Kati" nennst?"
Jens wirkte ertappt, lief rot an und antwortete dann aber ebenso nachdenklich wie auch verlegen kurz und knapp: "Nicht jetzt. Vielleicht später mal …", und er verschwand im Dunkel der nächtlichen Gassen der sächsischen Metropole Leipzig.
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